Ed Jackson

Ed Jackson ist Stop-Motion-Animator bei Aardman Animations in Bristol, Großbritannien und ist dort aktuell an der Produktion der Serie “Shaun das Schaf” beteiligt.
Seit über 12 Jahren arbeitet er als professioneller Animator und war in dieser Zeit sowohl in Bereichen wie der Kurz- und Langfilmbranche tätig, wie auch für Werbung und Serien. In dieser Zeit hat er in England, Irland, Australien und Deutschland gearbeitet.
Während unseres etwa zweinmonatigen Austausches für dieses Interview wurde Jacks erste Tocher Mia zur Welt gebracht. Darum möchte ich an dieser Stelle noch einmal
meine Dankbarkeit dafür ausdrücken, dass er sich trotz dieser aufregenden Entwicklung noch Zeit für mich genommen hat. I wish you all the best!

Dieses Interview wurde auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt.

Wenn ich mir die Produktions-Dokumentation von „Shaun das Schaf“ ansehe, scheint eine Menge Koordination notwendig zu sein. Ich habe gelesen, dass „Wallace&Gromit: Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen“ an über 40 Sets gleichzeitig gedreht wurde, damit es in acht Monaten fertig gestellt werden konnte. Wie ist der Produktionsprozess im Allgemeinen, wenn man in so einem großen Studio wie Aardman arbeitet?

Das ist von Studio zu Studio und Projekt zu Projekt unterschiedlich, aber meist finden die selben Prozesse statt. Als Animator werde ich nicht eingestellt bis das Projekt so weit ist, gefilmt zu werden, aber bis man dahin kommt gibt es noch eine Menge Arbeit.
Zuerst muss sich auf die Idee geeinigt werden, bevor die Produktion beginnt (Obwohl das nicht immer der Fall ist). Es kommt tatsächlich häufig vor, dass die Handlung während des Drehs noch verändert wird, zumindest bei großen Projekten mit entsprechendem Budget. Und auch Nachdrehs, um das finale Produkt zu verbessern.

Sobald die Handlung steht, geht die Vorproduktion los. Es werden Storyboards gezeichnet und ein Drehplan erstellt, und es werden Sets, Puppen und Requisiten in Auftrag gegeben. Erst wenn all das erledigt ist, komme ich als Animator dazu. Dann schauen wir erst das „Reel“, eine Animatic für das Projekt, und uns wird unser „Arbeitsauftrag“ gezeigt: Eine genau zeitlich angepasste Skizze unserer Szene.

Ein normaler Tag am Set sieht so aus: Man kommt am Studio an und schaut auf dem Arbeitsplan, für welche Einheit man eingeteilt ist. Wie du schon gesagt hat, für einen Langzeitfim kann es bis zu 30-40 Produktionseinheiten geben, für Serien etwa 14-15. Dann findet ein „Besuch“ vom Regisseur und der restlichen Crew statt, um den Ablauf der Szene zu besprechen. Das können Kameraleute sein, Setgestalter oder DOPs (Director of Photography). Normalerweise etwa sechs Personen insgesamt.

Sobald alle zufrieden sind, bleibt der Regisseur noch, um zu erklären, was mit der Szene erreicht werden soll. Es ist nicht ungewöhnlich bei Langzeitfilmen, abgefilme Darsteller als Anhaltspunkt zu verwenden. Das wird meist vom Regisseur oder vom Animator erledigt, manchmal auch von beiden. Sobald der Animator weiß, was der Regisseur möchte, werden die letzten Überprüfungen gemacht. Aus jedem Abteil kommt jemand ans Set und stellt sicher, dass alles so aussieht wie es soll, und dann beginnt der eigentliche Dreh.

Eine durchschnittliche Leistung für einen Langzeitfilm sind etwa zwei bis drei Sekunden Filmmaterial, oder 50 bis 75 Standbilder am Tag, je nachdem, wie lang und kompliziert die Szene ist, oder sechs bis zehn Sekunden für Fernsehserien.

Häufig wird eine Szene angefangen und und ist am Ende des Tages noch nicht abgedreht, also wird sie „heiß“ über Nacht stehen gelassen und am nächsten Tag fortgesetzt. Tatsächlich können besonders lange, komplizierte Szenen Wochen in Anspruch nehmen, sogar Monate. Ich glaube, die längste Szene, die ich je animiert habe, hat sieben Wochen gedauert, für 28 Sekunden Bildmaterial aus Einzelbildern.

Dieser Prozess mit Drehen über längere Zeiten funktioniert nur, wenn die Bedingungen stimmen. Modelle und Kulisse werden sich natürlich über Nacht etwas verändern, wenn sie sich abkühlen oder erwärmen wenn sich das Licht verändert, aber mit ein paar Kamerakorrekturen oder Kompositionstechniken können diese Dinge in der Postproduktion häufig korrigiert werden.

Wenn eine Szene fertig ist, schaut sie sich der Regisseur an und gibt sie frei oder lehnt sie ab. Wenn sie freigegeben wird (ist es eine Erleichterung) werden alle nötigen „Plates“ geschossen, Bilder vom leeren Set. Die werden gebraucht, um die Gerüste in der Postproduktion zu entfernen, wenn sich das Licht oder die Bildkomposition ändert.
Wird die Szene abgelehnt muss entweder alles neu gedreht werden oder man kann, wenn der Regisseur nur eine Kleinigkeit ändern will, zu einem passenden Zeitpunkt in der Szene zurück gehen und die Dinge von da rekonstruieren. Das kann bei Stop Motion aber ziemlich komplizert sein.

Was für Arbeit steckt hinter einer normalen Folge „Shaun das Schaf“?

Alle Folgen werden geschrieben und gestoryboarded bevor der Dreh los geht. Wenn die Animatic fertig ist und alle Requisiten gebaut sind. Setdekoration, Kameracrew und Lichtleute bereiten das Set vor und die Arbeit an der Animation beginnt. Der Regisseur sagt dem Animator, was gebraucht wird und genehmigt die gefertigte Szene. Wenn alles in Ordnung ist geht die Szene in den Schnitt und kommt in die finale Animatic. Dann wird die Postproduktion gemacht und der Ton hinzugefügt, danach ist die Folge fertig.

Was sind die Voraussetzungen, um als Animator zu arbeiten? Worauf muss man bei seinem Portfolio achten?

Man braucht bei StopMotion auf jeden Fall eine Menge Geduld. Es ist ein langwiehriger Prozess und man muss ruhig bleiben können, wenn die Puppen sich mal wieder daneben benehmen und irgendetwas ganz schief läuft. Da braucht man Konzentration, um das Problem zu lösen.

Natürlich ist eine gewisse Beobachtungsgabe von Vorteil.

Durchhaltevermögen. Die Animationsbranche ist relativ klein und Stellen sind schnell vergeben und schwer zu bekommen. So war es zumindest für mich, und ich musste lange Arbeitswege in Kauf nehmen und kostenlos Arbeiten, bis ich nach zwei Jahren endlich meinen Durchbruch als Setläufer hatte. Bis ich eigenständiger Animator war, hat es dann nochmal sechs Jahre gedauert.

Erfahrung und Verständnis für den Prozess. Das kann schwierig sein und ist bestimmt eine ziemliche Zwickmühle: Wenn du frisch anfängst hast du natürlich keine professionelle Erfahrung. Man muss dran bleiben und darf sich mit einem „Nein“ nicht zufrieden zu geben. Und mit der heutigen Technik wird es auch immer leichter, sich zu Hause ein gutes Portfolio zu erarbeiten.

Was hat dich anfangs überrascht? Was waren Herausforderungen, was hat Spaß gemacht?

Ich glaube die erste Überraschung war die Detailgenauigkeit, die Mühe und Zeit, die in jede Szene fließt. Das überrascht mich heute immer noch. Es ist wirklich eine Arbeit aus Leidenschaft.

Eine Herausforderung war, am Ball zu bleiben und mich zu verbessern. Ich wusste anfangs nicht viel über den professionellen Animationsprozess, sich all das immer anzueignen war sehr schwer. Beeindrucken zu wollen, um endlich aufzusteigen, vom Setläufer zum Animator. Die Tätigkeit hat mir immer am meisten gefallen, das habe ich am College für mich entdeckt. Das erste Studio, in dem ich gearbeitet habe, hat mir offen gelassen alle Abteilungen kennen zu lernen, aber da wusste ich schon genau was ich wollte.

Wie beginnst du eine Szene? Wie entscheidest du, welche Bewegungsabläufe sich für eine Szene eignen?

Das hängt vor allem vom Projekt ab. Vor dem Beginn einer Szene bekomme ich genaue Anweisungen über Stil und Aussehen. Manchmal bekommt man ein paar Wochen Zeit, ein Gefühl für die Puppen zu entwickeln, um genau das zu erreichen. Es kommt sehr auf das Gefühl und die Charaktere der Szene an.

Vom Storyboard bekommt man eine grobe Vorstellung, der Regisseur vertieft das, und bei Bedarf werden noch LAVs (Live Action Video), Referenzclips mit echten Darstellern, gedreht, um die richtige Stimmung einzufangen.

Der Stil kann auch durch die Bildrate bestimmt werden. Wenn wir beispielsweise mit zwölf Bildern pro Sekunde drehen entsteht eher ein langsames, cartoonhaftes Gefühl. Bei 25 Bildern ist alles etwas hochwertigerer, flüssiger und lebensechter Stil.

Welche Art von Animation magst du persönlich? Was inspiriert dich?

Meine Karriere habe ich bei einer Kindersendung begonnen. Das ist eine wunderbare Übung als Animator, denn es geht nicht um ein extrem hochwertiges Ergebnis. So kann man die Grundlagen der Kunstform lernen und trotzdem noch ein wenig Spielraum für Fehler haben.

Aber für mich persönlich entstand nach sechs oder sieben Jahren der Drang nach einer Herausforderung, danach, etwas größeres zu machen. Also war der nächste logische Schritt für mich, im Film tätig zu sein. Mir ist aufgefallen, dass ich diese Art zu arbeiten wesentlich mehr genieße. Es erfordert zwar höhere Konzentration und es gibt weniger Raum für Fehler, aber die Ergebnisse sind so viel toller.

Ich hatte das Glück, in vielen verschiedenen Bereich von Stop Motion tätig sein zu können, von Papierfiguren über Pixilation zu austauschbaren Köpfen und Arbeit Plastilin. Knetmasse hat mir am meisten gefallen, es fühlt sich einfach irgendwie organischer und kreativer an.

Was macht für dich „gute“ Animation aus? Was sind die wichtigsten Aspekte in der Produktion, sowohl im Drehbuch als auch bei der Animation?

In einem Wort: Story.

Meiner Erfahrung nach kann ein Film fantastisch aussehen, aber wenn die Story flach oder nicht stark genug ist, ist es egal, wie groß oder klein das Projekt ist. Es ist zum Scheitern verurteilt. Auf der anderen Seite: Manchmal ist Story einfach nicht relevant, und in dem Fall ist es für mich das Aussehen und der Stil.