Heike Sistig

Seit fast 50 gibt es nun die Sendung mit der Maus. 1971 begann der Westdeutsche Rundfunk mit der Produktion der Sendung als Bildungsprogramm des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks für Kinder und Erwachsene.
Dabei fungiert die Maus eher als Einspieler, um Themenblöcke voneinander zu trennen und die Sendung zu gliedern. Dadurch ist sie in dieser Zeit zu einer der bekanntesten deutschen Trickfilmfiguren geworden.
Heike Sistig ist seit 1993 Redakteurin bei der „Sendung mit der Maus“ und dort für die grafischen Aufarbeitungen der Maus, Ente und dem Elefanten verantwortlich. Seit 1987 arbeitet sie beim Westdeutschen Rundfunk und ist seit 2004 auch intensiv an der Konzeption und Produktion des Sendungsablegers „Sendung mit dem Elefanten“ beteiligt.
In einem Telefonat haben wir über den Sendungsaufbau, die Mausspots und Details der Trickfilmproduktion gesprochen.

Wie läuft der Produktionsprozess einer Folge „Die Sendung mit der Maus“ grob zusammengefasst ab?

Wir planen zu dritt, gemeinsam mit Jochen Lachmuth und Harry Steinhäuser. Es gibt viele Redakteure mit unterschiedlichen Zuständigkeitsbereichen, Regelverträge mit anderen Produktionsfirmen und natürlich auch hier im Haus eigenproduzierte Lach- und Sachgeschichten. Dann gibt es noch andere Produktionsfirmen für die Spots mit der Maus, Ente und dem Elefanten. Dann gibt es noch eingekaufte Serien oder Co-Produktionen mit anderen Firmen, „Shaun das Schaf“, mit Aardman zum Beispiel.

Es gibt also einen Stock an Geschichten, zu denen immer Neue dazukommen. Wenn eine Geschichte fertig ist, kommt sie in den Sendungspool, an dem wir uns für die Zusammenstellung einer neuen Folge bedienen können. Manche Beiträge sind bestimmten Jahreszeiten oder Feiertagen zugeordnet. Manche Beiträge bleiben auch lange im Pool, weil sie immer wieder herausfallen: Man achtet natürlich immer auf eine gewisse Abwechslung von Genres, Themen und Charakteren, damit es zum Beispiel in einer Folge nicht immer nur um Technik geht, sondern gerne auch mal um Natur. Oder Fragen aus dem praktischen Leben.

Wir versuchen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der Moderation aufrecht zu erhalten, mischen alte und neue Beiträge, weil man natürlich nicht für jede Woche ausschließlich neue Beiträge produzieren kann. In der Regel senden wir aber nichts, was in den letzten drei Jahren schon gelaufen ist. Da muss man natürlich auch auf den Stand der Technik achten, je nachdem, wie alt der Beitrag schon ist, aber wenn er gut zu dem Thema passt, lohnt sich das natürlich. Und wir versuchen, einen roten Faden zu behalten, sodass sich ein Beitrag aus dem vorherigen herleiten lässt. Es gibt Beiträge, die sich gegenseitig stärken oder schwächen, und das versuchen wir so gut wie möglich zu erreichen.

Wenn wir das Gerüst haben und alles zeitlich passt, dann setzt unsere Kollegin Nina Caspers die Mausspots dazu. Die sollen dann wie ein Ausrufezeichen hinter dem Beitrag stehen. Man muss so das Gefühl haben, Maus, Elefant und Ente haben den Beitrag gesehen und denken sich etwas eigenes dazu aus.

Dann kommt natürlich noch der Einführungstext „Lach- und Sachgeschichten, heute mit…“ dazu: Die deutsche Sprachaufnahme macht tatsächlich seit 48 Jahren Günter Dybus jede Woche neu. Für die anderen Sprachen haben wir inzwischen einen Sprecherpool, der dann auch noch dazu aufgenommen wird. Das ist dann in der Regel am Dienstag fertig, und am Sonntag wird es ausgestrahlt. Das hat den Vorteil, dass wir auch auf tagesaktuelle Themen reagieren können. Bei Hochwasser können wir dann zum Beispiel den Beitrag dazu zeigen und noch angemessen aufbereiten. Das ganze gilt dann auch für An- und Abfahrten, die werden auch etwas kurzfristiger produziert, damit Dinge wie Jahreszeit oder Besetzung auch noch stimmen.

Wie viele „Sachgeschichten“ entstehen dann pro Woche?

Insgesamt machen wir etwa 50 im Jahr, also ungefähr eine pro Woche. Jeden Sonntag zu senden bedeutet 52 Sendungen im Jahr, und da soll auch jeweils eine Sendung mit Neuwert dabei sein. Manchmal ergeben mehrere Geschichten ein Special, aber wir versuchen natürlich möglichst aktuelle Fragestellungen auch abbilden zu können.

Nach welchen Kriterien werden die „Lachgeschichten“ ausgewählt?

Wir haben auch hier wieder eine Kombination aus Eigenproduktion, Auftragsarbeiten in Zusammenarbeit mit anderen Produktionsunternehmen, und auch einmalig produzierte Vertragsarbeiten. Bei diesen Dingen geben wir dann meistens die Themen vor, aber wir können im Haus keine Vollanimation machen. Dann gibt es natürlich noch die Co-Produktionen wie „Shaun das Schaf“ mit Aardman, bei denen wir die Inhalte mitentwickeln, wobei Serien wie „Lehrer Linke“ dann auch wieder eingekauft werden, wenn wir also sagen, dass wir diese Inhalte gerne zeigen wollen. „Trudes Tier“ haben wir voll finanziert und mitentwickelt, da können wir dann bei einer Sendung auch sagen, „Hey, wir haben dieses Thema, es wäre schön, eine Geschichte dazu zu haben“, und dann wird diese Geschichte für uns geschrieben. Die eigentliche Umsetzung liegt dann bei der Firma, aber sie wird auch immer in Rücksprache mit uns während der Produktion abgenommen.

Das gleiche gilt auch für die Mausspots, da entwickeln wir zusammen mit dem Animationsteam hier die Geschichte, die wird zu einem Storyboard umgesetzt und letztendlich zu einer Animatic. Bis zum fertigen Spot wird es dann immer zwischendurch, ganz kleinschrittig von uns abgenommen. Das sind langjährige Zusammenarbeiten, bei den Firmen ist das Know-How auf jeden Fall vorhanden. Da gibt es kein Ringen um die Werte oder die Umsetzung, die in den Spots vorkommen, sondern das ist alles schon sehr eingespielt.

Die ursprüngliche Animation der Maus wurde ja früher, schon vor 1980, von Friedrich Streich gemacht. Wie hat sich der Produktionsprozess in den letzten 30 Jahren verändert?

Genau, Friedrich Streich, ganz zu Beginn zusammen mit Isolde Schmitt-Menzel, seit 1971. Er ist ja leider verstorben, aber schon seit er im Ruhestand ist gibt es andere Firmen, die diese Arbeit fortführen. Der Produktionsprozess hat sich in erheblicher Weise verändert, der Animationsprozess dagegen gar nicht so sehr. Inzwischen kann man direkt in den Computer zeichnen, was die ganze Sache um einiges einfacher macht: Nicht mehr wie früher in Handarbeit, zuerst auf Papier, dann auf die Folie, dann mit Folienfarben colorieren, dann auf Film aufnehmen. Und zwar Folie für Folie, und man musste unheimlich aufpassen dass nichts verrutscht oder die Folie blitzt. Das hat sich wirklich extrem geändert. Jetzt kann mit einem Stift auf Pads, auf digitalen Zeichenbrettern gezeichnet werden, man kann die einzelnen Bilder unmittelbar vergleichen, sich alles simulieren lassen. Man kann sogar „mal eben“ Einzelbilder korrigieren, und das colorieren ist fast nur noch ein Klick.

Die Produktion hat sich also extremst verändert, vor allem für zweidimensionale Trickfilme. Die Dreidimensionale ist ja noch ein ganz anderer Prozess, aber die ist ja auch dadurch erst möglich geworden. Aber auch die Folien von früher kann man mit den technischen Möglichkeiten in der zweidimensionalen Animation nicht mehr vergleichen.
Was allerdings geblieben ist, ist die künstlerische Arbeit der Animateure bei der Bewegung der Figur. Ob die jetzt zuerst mit Stift auf Papier zeichnen, am Leuchttisch, oder mit einem Zeichenpad direkt in den Computer, ist im Grunde genommen die gleiche künstlerische Arbeit. Es geht immer darum, dass der Animator der „Schauspieler“ der Figur ist, der so zeichnet, dass die Figur eine eigentümliche Bewegung hat, dass das Timing stimmt und die Bewegungen flüssig sind. Das man einer hebenden Figur anmerkt, was schwer und was leicht ist, so etwas ist nach wie vor geblieben.

Bei der Folie hat man damals versucht, mit den technischen Möglichkeiten hin zu kommen, am Computer macht man dagegen schon mal schnell noch eine Schnörkelbewegung dazwischen. Die Bewegungen und auch die Maus, Ente und Elefant als Charaktere sind auf jeden Fall wesentlich komplexer und auch facettenreicher geworden. Das spannende ist ja auch, das jeder Animateur die Maus noch ein kleines bisschen anders zeichnet, selbst wenn es Stylesheets gibt. Bei Bewegungen ist das besonders deutlich – die Maus ist ja im Grunde genommen keine dreidimensionale Figur.

Wenn man sie von Vorn und von der Seite anschaut, dann sieht man auch dass frontal die Nase tief sitzt und direkt über dem Mund ist. Wenn sie sich aber dreht, dann weiß man erst mal nicht wohin mit den Augen. Die bleiben zuerst auf einer Seite, dann rutscht das eine auf die andere Seite und plötzlich sieht sie ganz anders aus. Die Augen sind weiter auseinander, der Mund ist viel tiefer als die Nase, und das macht es so schwierig. Da muss man als Trickfilmer immer tricksen, und das macht jeder ein bisschen anders. Das war bei Friedrich Streich damals auch schon nicht anders, und wir finden es auch gar nicht schlimm. Man kann sich die Spots von 1971 anschauen, dann 1976 und 90 bis heute. Wenn man sich ganz genau damit beschäftigt, sieht man natürlich den Unterschied, aber für die meisten Zuschauer ist die Maus eben Maus, und das bleibt sie auch wenn die Nase mal spitzer ist oder sie auf vier statt auf zwei Beinen geht.

Die Maus lebt auch sehr gut von ihrem Wiedererkennungswert, sie ist damals einfach entstanden und hat sich gut gehalten. Wenn man sie mit einem anderen Hintergrund zeichnet, wird sie auch plötzlich ganz modern. Wir hatten großes Interesse aus Japan, dort hat sogar eine Universität die Maus zu ihrem Maskottchen gemacht, und es gibt alle Zertifikate mit der Maus darauf. Sie wird zwar dort nicht produziert, aber es gibt auch Maussendungen im japanischen Fernsehen.

Was sind die Herausforderungen, Trickfilminhalte für Kinder aufzubereiten?

Ich weiß gar nicht, ob die Maus generell für Kinder ist. Das was wir anstreben sind gut erzählte Geschichten. Es soll keine Text-Bild-Scheren geben, es muss eine gute abgestimmte Mischung geben aus schöner Slapstick-Bewegung, aber auch Ruhe. Wir möchten nicht das hektische Bild übernehmen, das man von einigen Kinderserien kennt, weil es ja auch Trenner zwischen den Themenblöcken sind. Quasi ein orange-brauner Faden, der sich durch die Sendung zieht.

Das ist bei „Shaun das Schaf“ zum Beispiel anders. Das ist zwar kein Zeichentrick, sondern Stop-Motion, und es lebt von visuellen Gags, einer gewissen Schnelligkeit und Ausdruck in der Mimik und Gestik, mit unglaublich vielen Anspielungen und Zitaten. Eben so produziert, dass es auch für Erwachsene unterhaltsam ist.
Wir haben ja die Philosophie, dass man, wenn man die Maus schaut, auch als Erwachsener, oder zumindest als „Kind im Erwachsenen“ gut unterhalten wird. Das wurde von Anfang an so abgesehen, damit sich die Familie eben gemeinsam vor dem Fernseher versammeln kann, weil für alle etwas dabei ist. Das ist ein wichtiges Kriterium für Trickfilme, und auch für Lachgeschichten.

Haben Sie Lieblings-Trickfilme?

Auf jeden Fall, wir alle hier lieben „Trudes Tier“, und ich persönlich mag auch sehr diese lakonischen Geschichten von „Lehrer Linke“. Die alten Lachgeschichten, „Nix Kuckuck“ waren für mich auch immer ein persönliches Highlight aus der Geschichte der Maus.

Was macht für sie gute Animation aus? Was ist leicht richtig oder falsch zu machen?

Ich finde es wichtig, dass die Animation genutzt wird, um die Charaktere gut darzustellen: Eine stimmige Mimik und Gestik, die nicht überladen ist, genau das richtige Timing hat, und die mit Pausen und Beats arbeitet. Ein Beat ist ein leichtes Herauszögern einer Bewegung oder Reaktion, um die dann besonders zu betonen. Eine Sekundenpause, um wirklich auf dem Punkt zu sein. Nicht direkt reagieren, sondern kurz innehalten, und dann „Umpf!“. Akzentuiertes Timing finde ich extrem wichtig um visuelle Pointen zu setzen. Man kann Geschichten auch ohne diese Beats erzählen, aber dann wird es schnell langweilig, da ist eine kurze Pause mit einer schnellen Reaktion viel spannender. Nicht nur bei Zeichentrick, bei guter Animation, zum Beispiel bei „Shaun“, ist das absolut kunstvoll.

Bei der Maus ist das bei „Käptn Blaubär“ zum Beispiel nicht der Fall, das wird sehr flach erzählt. Da funktioniert es allerdings, weil es schon fast eine Art „Understatement“ ist, wenn die Geschichten so hanebüchen sind und dabei aber so harmlos erzählt sind. Da ist es ein Stilmittel, aber wenn es nicht so gut auf den Inhalt eingepasst wäre, wäre das eher eine Schmalspur.

Man muss einfach gute Geschichten erzählen – die Charaktere müssen eingeführt werden, die Handlungsmotivation muss klar sein. Schön sind auch immer interaktive Geschichten. Zwei Charaktere, die miteinander agieren, sind leichter zu animieren als eine einzelne Figur, bei der alles nachvollziehbar sein muss. Ich würde jedem Anfänger raten, zuerst eine Geschichte mit zwei Figuren zu machen, das ist leichter.

Und am Ende immer eine Pointe, das ist bei uns zumindest Gesetz. Es muss immer ein klares Ende geben. Was wir emotional mit einer Geschichte anrichten, müssen wir am Ende zusammenführen, um die Zuschauer zu entlasten, denn danach kommt gnadenlos der nächste Beitrag. Man hat keine Zeit, zurückzublicken oder zu reflektieren, von daher arbeiten wir gern mit kurzen, sketchartigen Geschichten. In den „Lachgeschichten“ auch gern mit Themen, die kindlich daher kommen, aber mit mehr Tiefe erzählen.

Da erinnere ich mich an einige, „Trudes Tier“ in der Kunsttherapie der Kinderpsychiatrie zum Beispiel. Dazu gab es ja auch eine Sachgeschichte, und aus meiner Zeit in der Kunsttherapie für Erwachsene war ich sehr beeindruckt, wie verständlich das Thema umgesetzt wurde.

Genau, diese Folge ist auch auf eine besondere Weise entstanden. Es stand zu Beginn die Entscheidung, dass wir eine Spezial-Folge zu „Unsichtbaren Krankheiten“ machen wollen. Die wurde dann von einer Kollegin komplett konzipiert und ganz klar auch ein „Trudes Tier“ in Auftrag gegeben. Das sollte noch einmal unterstützen, was in der Sachgeschichte vorher erzählt wurde, und weiterleiten in die folgende, wie es in der Psychiatrie eigentlich aussieht.

So geht es häufig, wenn wir eine monothematische Sendung machen wollen, da wird dann etwas anders gedacht. Da gibt es meist einen Redakteur, der sich intensiv mit einem Thema auseinandersetzt, und daraufhin die Gesamtsendung entwickelt. Solche Spezial-Sendungen werden dann auch mit einer besonderen Beachtung behandelt und die Sendetermine bei der Presse angekündigt.