Valentin Felder

Valentin Felder arbeitet seit über sechs Jahren an seinem Stop-Motion-Kurzfilm „Das Getriebe im Sand“. Begonnen hat er als Schüler, mit 18 Jahren, zusammen mit einem Freund. Inzwischen sind etwa 16 Minuten Bildmaterial abgedreht: Aufwändige, detaillierte Steampunk-Szenerien, filigrane Roboter und düster-industrielle Bauten haben er und nur einige wenige Mitwirkende im Laufe der Jahre konstruiert. Doch die Arbeit ist noch lange nicht vorbei – grade mal die Hälfte des geplanten Filmmaterials sind inzwischen für die Postproduktion bereit. Valentin und ich haben uns zusammengesetzt und über seine Arbeitsweise und den entstehenden Film gesprochen.

Wie kam es überhaupt zu dem Filmprojekt? Warum Stop-Motion?

Bevor ich mit dem Projekt begonnen habe hatte ich bereits ein großes Interesse am Filmen und Spaß an feinen handwerklichen Arbeiten, habe diese beiden Leidenschaften aber noch nicht miteinander in Verbindung gebracht. Die Idee einen Stopmotion-Film zu machen kam von einem guten Freund von mir der sich schon länger mit dem Thema auseinandergesetzt hatte, aber zuvor nur kurze, unzusammenhängende Animationen gemacht hatte.
Das war dann eine gute Chance unsere vielseitigen Interessen zu einem Werk zu vereinen und nebenbei konnte eines der Hauptprobleme von Hobbyfilmen eliminiert werden: Die Schauspieler! Wir haben dann die Geschichte zu zweit entwickelt und die ersten drei Jahre zusammen an dem Projekt gearbeitet. Wir haben uns gut ergänzt, seine Kernkompetenz lag bei den Animationen und plastischen Arbeiten an Figuren und Sets, meine Stärken waren die mechanischen Elemente, die technische Nachbearbeitung sowie die Regie.

Leider hat mein Freund im Laufe der Zeit die Motivation für das Projekt verloren da er sich anderen Themen widmen wollte, weshalb ich seit geraumer Zeit alleine weiter gearbeitet habe. Das ist schade, aber wir sind wohl beide an dem Projekt und unserer Zusammenarbeit gewachsen.

Soweit ich weiß, arbeitest du schon mehrere Jahre an „Das Getriebe im Sand“. Wie alt warst du, als du mit dem Film angefangen hast? Wie bist du in dem Alter dazu gekommen, ein mehrjähriges Projekt zu beginnen?

Die Planung des Projekts hat bereits im Sommer 2012 begonnen, damals war ich 18 und ging noch zur Schule. Dies war eine schwierige Zeit für mich in der ich mit vielen gesellschaftlichen Missständen konfrontiert wurde und mich demgegenüber sehr machtlos gefühlt habe. Aus den damaligen Gefühlen und Gedanken wurde die Geschichte geboren und das Projekt hat so für mich als Ventil funktioniert.

War dir der Arbeitsumfang von Anfang an bewusst, oder ist es mit der Zeit mehr geworden?

Obwohl ich zwar durchaus den Drang hatte mich zu beweisen und etwas hochwertiges zu erschaffen, habe ich den tatsächlichen Aufwand deutlich unterschätzt. Wir sind zu Anfang von etwa 2 Jahren ausgegangen, was sich jedoch als völlig utopisch erwiesen hat. Erschwerend kam dazu dass die Zeit die ich ins Projekt investieren konnte mit jedem Schulabschluss und Studiensemester knapper geworden ist, sodass es phasenweise fast zum Erliegen kam.

Wie haben die Dinge, die du im Verlauf der Jahre gelernt hast, deinen Arbeitsprozess verändert?

In der Tat habe ich im Laufe des Projekt sehr viel gelernt, auch über rein handwerkliche Tätigkeiten hinaus. Für jede Szene müssen neue Probleme gelöst werden wobei alle Teilbereiche, vom Bau der Figuren und Kulissen über die eigentliche Animation bis hin zur Nachbearbeitung, berücksichtigt werden müssen.
Viele Dinge die man zu Beginn des Projekts erst ausprobieren und langsam entwickeln musste sind inzwischen Routine geworden, gleichzeitig ist aber auch der eigene Anspruch gewachsen weshalb die Zeitersparnis dann doch wieder irgendwo verloren geht.
Gibt es Teile vom Beginn des Projektes, die du reproduziert hast, weil du nicht mehr mit ihnen zufrieden warst oder inzwischen neue Wege wusstest, um sie zu verbessern?
Tatsächlich gibt es sehr viele Dinge in den bereits gedrehten Szenen von denen ich weiß das ich sie inzwischen besser umsetzen könnte, dennoch habe ich von wenigen Ausnahmen abgesehen nie etwas reproduziert. Zum Einen ginge es wirklich gar nicht voran wenn ich immer wieder von vorne anfangen würde, zum Anderen bin ich auch der Meinung dass es in diesem Fall nicht schlimm ist, wenn eine Entwicklung für den Zuschauer des fertigen Films sichtbar ist. Im Gegenteil, so bleibt die Entstehungsgeschichte als implizites Selbstportrait enthalten, was für mich persönlich einen großen Wert darstellt.

Wie gehst du an die Arbeit heran? Was sind Herausforderungen, was ist besonders lohnenswert?

Inzwischen habe ich gelernt, erst mit der Arbeit zu beginnen wenn ich mir sicher bin wie ich sie ausführen werde. Ich denke über jeden Schritt sehr lange nach, bis ich das Gefühl habe wirklich zu wissen was ich tue. Herausforderungen entstehen oftmals, wenn ich einsehen muss das ich keine perfekte Lösung für ein Problem habe und improvisieren muss. Umso befriedigender ist es dann, falls der Plan aufgeht und ich meine Vision nach teilweise monatelanger Arbeit schließlich in die Realität holen konnte.

Was hat dich an der Arbeit an deinem Film überrascht?

Es ist schwer eine Sache auszuwählen die mich überrascht hat, da es doch des Öfteren anders kommt als erwartet. Es überrascht mich aber immer wieder aufs neue wie „groß“ das Projekt doch schon geworden ist. Je nachdem wann ich gerade mal wieder davon überrascht werde wanke ich zwischen Panik und Freude.

Worauf muss man achten, wenn man ein längeres Animationsprojekt plant?

Da ich zu Beginn des Projekts einige Dinge eher weniger gut geplant hatte kann ich fundiert behaupten das gute Planung in der Tat sehr wichtig gewesen wäre. Der Wert von einem detaillierten Storyboard oder Animatic, ebenso wie von einer vollständigen Übersicht aller Figuren, Requisiten und Kulissen welche zu bauen sind, ist nicht zu unterschätzen. Diese Hilfsmittel machen es sehr viel einfacher Fortschritte zu beurteilen, Arbeiten zu planen und Zeiten abzuschätzen.

Welche Vor- und Nachteile hat es, nur in einem sehr kleinen Kreis an einem Film zu arbeiten?

Mit wenigen Helfern in einem kleinen Team zu arbeiten hat den Vorteil, dass der Einzelne genug Einfluss hat, um einen charakteristischen Stil zu prägen. Dies wird in großen Teams vermutlich schwieriger, da sich dann viele Stile vermischen oder diese durch hierarchische Strukturen unterdrückt werden.
Ebenso halte ich es für erstrebenswert interdisziplinär in verschiedene Teilbereiche des Projekts involviert zu sein, um geistige und körperliche Abwechslung zu gewährleisten. Die extreme Spezialisierung die in kommerziellen Projekten dieser Art üblich ist, ist für mich nicht mit künstlerischer Arbeit vereinbar.

Was muss man für so ein Filmprojekt aufwenden?

Zeit. Sehr viel Zeit. Sollte nach dem Preis gefragt sein, so kommt es vor Allem darauf an ob diese Zeit bezahlt sein soll oder nicht. Die Materialkosten sind daneben kaum erwähnenswert, man kann selbst aus Abfall großartige Welten erschaffen. Eine Kamera, passende Software und ein paar Lampen sind für Stopmotion wohl unverzichtbar, aber da man nur einzelne Fotos aufnimmt lässt sich eine hohe Qualität viel günstiger erreichen als mit Realfilm-Technik.

Was rätst du Personen, die ebenfalls den nächsten Schritt in ihrer (trick-)filmischen Arbeit machen wollen? Was braucht man, was braucht man nicht unbedingt?

Was ist der „nächste“ Schritt? …Ich habe eigentlich nur angefangen, alles andere hat sich unterwegs entwickelt. Anzufangen ist sicher eine gute Voraussetzung. Ein bisschen Wahnsinn kann auch nicht schaden, aber es braucht wirklich weniger als man meinen könnte.

Es freut mich gelegentlich das wir als Schüler zu Beginn des Projekts, in unseren kleinen überfüllten Zimmern ohne Werkstatt, mit gebrauchter Kamera, beim Licht einer Schreibtischlampe, bereits Szenen gedreht haben, die trotzdem einer Kinoleinwand würdig sind. Anfangen ist leicht, Durchhalten ist schwierig. Es braucht einfach Freude am Prozess, das Ziel sollte zweitrangig sein sonst wird es schwierig Spaß daran zu haben.

Was macht für dich gute Animation aus? Was kann man leicht falsch oder richtig machen?

Stopmotion-Animation ist für mich perfekt, wenn sie es schafft eine glaubwürdige Filmwelt zu erschaffen und zeitgleich die handgemachten Figuren und Modelle der echten Welt offenbart – Wie ein halb durchsichtiger Spiegel der es erlaubt zwischen zwei Realitäten zu fokussieren. In Zeiten fotorealistischer Computergrafiken lässt sich kaum noch jemand von etwas „Unglaublichem“ faszinieren, denn man hat sich daran gewöhnt dass jede Fantasie auch visualisiert werden kann.
Insofern hat es einen besonderen Reiz wenn eine Filmszene „fehlerhaft“ genug ist um zu erkennen das sie real existiert, wenn auch nur als Modell.

Wenn du dir einen Buchstaben oder einen Begriff für das Trickfilmlexikon aussuchen könntest, welcher würde es sein?

Heißkleber, der: Das Panzertape der Stopmotion-Filmer. Schlecht genug um Nirgends dauerhaft zu halten, gut genug um für die Dauer einer Animation zu halten!

Werbeanzeigen